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Film über Anne Frank

"Herzensergüsse eines Schulmädchens"

© 2015 Zeitsprung Pictures, AVE & Universal Pictures ProductionsDas Tagebuch der Anne Frank"Das Tagebuch der Anne Frank" kommt in die Kinos

Anne Franks Geschichte wurde oft erzählt – als Theaterstück auf dem Broadway, in Filmen, sogar als japanischer Zeichentrickfilm. Ab 3. März läuft die erste deutsche Verfilmung im Kino.

[Evangelische Sonntags-Zeitung] Eine 13-Jährige liegt auf dem Rücken und hält einen Taschenspiegel über sich. Sie prüft, wie sie von verschiedenen Seiten aussieht, als wolle sie den Spiegel fragen: »Bin ich schön oder nicht?« Sie führt ihn über Brust und Bauch hinunter bis in den Schambereich. Ein ganz normaler Teenager, der sich und den eigenen Körper erkundet. Der Teenager heißt Anne Frank. »Ich denke auch, dass sich später keiner (...) für die Herzensergüsse eines 13-jährigen Schulmädchens interessieren wird«, schreibt sie in ihr Tagebuch, das sie gerade zum Geburtstag bekommen hat.

Annähern an Anne Frank

Diese Jugendliche stellt der Film »Das Tagebuch der Anne Frank« ganz in den Mittelpunkt. Das Kinoplakat zeigt das Gesicht der Hauptperson, gespielt von der 16-jährigen Lea van Acken, in großer Nahaufnahme. Man sieht jedes Grübchen, den Hauch einer Sommersprosse neben dem lächelnden Mund, die leichte Röte auf den Wangen, die Wimpern um die blitzenden Augen.
Regisseur Hans Steinbichler hält, was das Plakat verspricht. Er zeigt Anne Frank in großer Nahaufnahme. »Der Film ist sehr dicht am Tagebuch«, beschreibt Deborah Krieg von der »Bildungsstätte Anne Frank« in Frankfurt ihren Eindruck. »Und ganz nahe an Anne Frank. Man hat das Gefühl, dass man in sie hineingeht.«

Lebensfrohes Mädchen mit Hoffnungen und Gefühlen

Das ist die Absicht der Verfilmung. »Anne ist ja nicht vor allem Opfer der Nationalsozialisten, sondern zuallererst ein lebensfrohes Mädchen mit Hoffnungen und Gefühlen«, erklären die Produzenten M. Walid Nakschbandi und Michael Souvignier ihre Intention.
Der Film beginnt mit Tränen. Man hört Anne vor Angst weinen – während eines Bombenangriffs auf Amsterdam im Jahr 1944. Acht jüdische Menschen haben sich vor dem Nazi-Terror im Hinterhaus der Prinsengracht 263 versteckt. Sie sehnen die Alliierten als Befreier herbei und fürchten zugleich, durch deren Bombardement umzukommen.

Versteckt in Amsterdam

Szenenwechsel in die scheinbar friedliche Zeit vor dem Krieg: heile Welt in den Bergen. Familie Frank ist zur Sommerfrische bei der Großmutter in Sils Maria in der Schweiz. »Warum geht ihr nicht auch nach Basel?«, fragt die alte Dame. Doch Otto Frank (Ulrich Noethen) hält Amsterdam für einen sicheren Ort, um sich, seine Frau Edith (Martina Gedeck verkörpert die vor Sorge stets angestrengte, für Anne allerdings anstrengende Mutter) und die beiden Töchter vor der Verfolgung der Nationalsozialisten zu schützen.
Doch die Deutschen und der NS-Rassenwahn halten auch in Holland Einzug. Annes ältere Schwester Margot (Stella Kunkat spielt sie als erfreulich eigenständige Person) soll deportiert werden. Die Familie taucht unter in das vorbereitete Versteck. Im Film regnet es an diesem 6. Juli 1942. Anne steht noch einmal im Freien und lässt die Tropfen über ihr Gesicht laufen. Von nun an sieht sie die Welt nur noch von innen.

Still halten in der Enge

Zu acht eingesperrt auf etwas mehr als 50 Quadratmetern. Nie die Fenster offen. Tagsüber kein Mucks und Toilette verboten. Auf Tuchfühlung mit dem Ehepaar Hans (André Jung) und Petronella van Daan (Margarita Broich), deren Sohn Peter (Leonard Carow) sowie dem Zahnarzt Albert Dussel (Arthur Klemt). Was diese Situation für ein pubertierendes Mädchen bedeutet, vertraut Anne ihrem Tagebuch an.
Drehbuchautor Fred Breinersdorfer, der bereits die Vorlagen für die Filme »Elser« und »Sophie Scholl – Die letzten Tage« geschrieben hat, lässt das Tagebuch unmittelbar zu Wort kommen. Annes Darstellerin van Acken spricht ganze Passagen daraus, zum Teil direkt in die Kamera. »Das Tagebuch ist nicht mehr Kommentar, sondern wird zum Geschehen selbst«, so hat Deborah Krieg von der »Bildungsstätte Anne Frank« den Film erlebt.

Erwachsen werden

Wer Tagebuch schreibt, reflektiert und verdichtet das Erlebte. Der Film macht Geschriebenes zu Gesprochenem. Die Zuschauer sehen die Untergetauchten mit Annes Augen. Sie spüren die Kälte, mit der sie ihrer Mutter begegnet. Beim ersten Kuss mit dem jungen Peter sind die Kinobesucher hautnah dabei. Sie erleben Anne rebellisch, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. »Das ist eine Stärke des Films«, sagt Krieg. »Die Frage nach dem Erwachsenwerden kann ein Zugang für Jugendliche sein, um sich mit Anne Franks Biografie und der Geschichte auseinander zu setzen.«
Der Film ist mehr als ein Teenager-Drama. Er ist großteils brillant gespielt und hat eine sinnliche Bildsprache. Wenn nach Wochen nur mit Steckrüben und Kartoffeln einmal Erdbeeren über den Küchentisch im Hinterhaus rollen, ist allein deren Farbe ein Augenschmaus und lässt erahnen, wie sehr die Untergetauchten Licht, Leben, Freiheit entbehren.

Das Ende

Mit dem 1. August 1944 endet das Tagebuch. Steinbichler lässt seinen Film weitergehen. Für ihn und die Produzenten habe festgestanden, »dass wir diese Geschichte bis zu einem gewissen Grad zu Ende erzählen müssen«. Lea van Ackens Stimme spricht, was Anne Frank weiter geschrieben haben könnte. Man sieht die Deportation, das Konzentrationslager, die Aufnahmebaracke. Und Anne Frank, die den Kopf aufrecht hält. Ob es so war, wissen wir nicht.

»Das Tagebuch der Anne Frank«; Film von Hans Steinbichler; mit Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen, Stella Kunkat u. a.; Universal Pictures International; ab 3. März im Kino.

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