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Interview

Inklusion in der Schule

Denys Kuvaiev/istockphoto.comAuch behinderte Kinder haben Stärken

Die neue Landesregierung will sich laut Koalitionsvertrag für Inklusion einsetzen. Die Lehrerin Saskia Ghribi erzählt von den Vorteilen und von den Problemen im inklusiven Schulalltag.

Die neue Landesregierung will sich für Inklusion einsetzen, so steht es im Koalitionsvertrag. Auch der Direktor des Religionspädagogischen Institutes der EKHN, Pfarrer Uwe Martini, steht dahinter: „Ich befürworte sehr, dass der Koalitionsvertrag vorsieht, stärker auf eine inklusive Schule hin zu arbeiten. Allerdings bräuchte es dazu mehr Lehrerinnen und Lehrer, dem Personalbereich müsste mehr Geld zur Verfügung gestellt werden. Wenn das Vorhaben gelingen würde, wäre das ein Riesenschritt nach vorne.“

Die Lehrerin Saskia Ghribi hat bereits praktische Erfahrungen mit der inklusiven Arbeit. Sie leitet die August-Gräser-Schule in Frankfurt. An ihrer Grundschule sollen Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen gemeinsam lernen. Uns hat sie von den Vorteilen und von den Problemen im inklusiven Schulalltag erzählt.

Warum ist es wichtig, inklusiv in der Schule zu arbeiten?

Saskia Ghribi: Für die Ausprägung der Sozialkompetenzen ist es wichtig für alle Kinder. Für mich bedeutet Inklusion nicht, einfach nur ein paar Kinder mit Beeinträchtigungen aufzunehmen, sondern dass jeder gefördert wird und in die Schule gehen darf, in deren Einzugsgebiet er wohnt, und dass er adäquat seinen Fähigkeiten entsprechend gefördert wird - ob er nun eine Beeinträchtigung hat oder nicht. Der Umgang mit Behinderten hilft den Kindern auch, eine gewisse Sensibilität zu entwickeln. Manche verstehen nicht, was es bedeutet, behindert zu sein.

Wo erleben Sie das im Schulalltag?

Ghribi: Wir haben hier ein Mädchen, das im Rollstuhl sitzt. Wenn die Kindergartenkinder zu Besuch kommen, stehen die um sie herum, gucken und finden das wahnsinnig interessant. Sie gaffen regelrecht. Auch den Behindertenlift finden die Kleinen unglaublich spannend. Aber das legt sich im Schulalltag ganz schnell wieder. 

Viele Kinder, die wir Erwachsene als Kinder mit Beeinträchtigung einstufen würden, werden im inklusiven Unterricht von den anderen Kindern gar nicht mehr als solche wahrgenommen. Es gibt ja auch Bereiche, die nicht so offensichtlich sind wie ein Rollstuhl. Wir haben Kinder mit Problemen im Sprachbereich, beim Lernen, in der emotionalen und sozialen Entwicklung. Das sind Bereiche, die uns Erwachsenen immer sofort auffallen. Aber Kindern fällt so etwas überhaupt nicht auf. Wenn man die fragt, wer bei uns in der Schule beeinträchtigt ist, würden sie wahrscheinlich nur das Mädchen im Rollstuhl nennen. Dabei gibt es eigentlich in allen Klassen Kinder, die besonders sind.

Es gibt ja auch Kritik an der Inklusion, etwa dass die behinderten Kinder mehr Aufmerksamkeit benötigen. Kommen die anderen Kinder nicht zu kurz, wenn sie mit behinderten Kindern im Unterricht sind?

Ghribi: Ich für meinen Teil verstehe Inklusion so, dass jeder so gefördert wird, wie er es benötigt. Wenn man das individuelle Lernen fördert, ist es völlig egal, ob da ein Kind sitzt, das Beeinträchtigungen hat oder nicht. Wichtig ist, dass sich die Kinder wohl fühlen, dass sie wissen, dass wir ihre Stärken kennen. Denn auch Kinder mit Beeinträchtigungen haben Stärken, manchmal sogar mehr als Kinder ohne sichtbare Beeinträchtigung. Wenn man also den Unterricht umstellt auf individuelles Lernen, auf individuelle Förderung und Forderung, dann hat man einen guten Ansatz, um ganz viele Kinder an der Regelschule unterrichten zu können.

Wir haben hier an der Grundschule immer schon Kinder gehabt, die im Bereich Lernen besondere Aufmerksamkeit benötigen oder welche, die hochbegabt waren. Wir arbeiten offiziell erst seit zwei Jahren inklusiv, aber in den vierten Klassen haben wir auch Kinder sitzen, die andere Schulen längst aussortiert und auf eine Lernhilfeschule geschickt hätten. Früher mussten wir immer ein wenig kämpfen, um diese Kinder beschulen zu können. Jetzt gibt uns das Schulgesetz die Möglichkeit, das offiziell machen zu können.

Es stimmt aber, dass wir nicht alle Kinder beschulen können. Wir können mehr beschulen, wenn wir die personellen Voraussetzungen haben, aber alle nicht. Denn Kinder mit besonderen Beeinträchtigungen haben meiner Meinung nach auch Anspruch auf eine besondere Förderung. Wir können viele Kinder hier bei uns auffangen, und fördern, aber manche Kinder brauchen eine spezielle Therapie. Das können wir im Moment noch nicht leisten. Optimal wäre natürlich, wenn das irgendwann alles an die Regelschulen angegliedert ist: von den Förderlehrern über die Therapieplätze bis hin zu den Ausstattungen im räumlichen Bereich. Momentan ist das noch nicht der Fall. Deshalb entscheiden wir von Fall zu Fall, was ein Kind benötigt und ob wir das leisten können. Es geht nicht um Beschulung um jeden Preis, sondern um das, was möglich ist. Alles geht leider nicht.

Gab es besondere Schwierigkeiten mit der inklusiven Arbeit?

Ghribi: Man hat schon immer wieder mit Widerständen zu kämpfen. Da meine ich nicht die Eltern und auch nicht die Kinder, sondern wirklich ganz banale Sachen. Wir haben zum Beispiel ein Kind mit motorischer Beeinträchtigung. Unser Schulhaus ist ein Altbau. Jetzt haben wir einen Lift, der vom Schulhof bis ins Erdgeschoss fährt. Unsere Fachräume, der Computerraum und der Musikraum sind aber im Obergeschoss. Die können wir nicht einfach auf den Schulhof verlegen. Aber aufgrund der Budgetierung scheint es offensichtlich nicht möglich zu sein, dass wir einen Aufzug bis in den dritten Stock bekommen, obwohl das baulich tatsächlich möglich wäre. Dann könnten wir auch jedes Jahr ein bis zwei besondere Kinder aufnehmen. Aber da hört dann für viele, gerade für viele Politiker, der Wille zur Inklusion auf. Die Elternschaft steht hinter uns, das gesamte Kollegium will inklusiv arbeiten, die pädagogische Basis ist da. Jetzt brauchen wir die finanzielle Unterstützung, zum Beispiel für diesen Aufzug. Darum kämpfen wir. Wenn es an solchen Sachen scheitert, dann frage ich mich, ob Inklusion wirklich von allen gewollt ist.

Es gibt nicht einfach schwarz und weiß, es gibt ganz viele Grautöne. Kein Mensch passt einfach in irgendeine Schublade. Es gibt nicht die Blinden, die Tauben oder die Körperbehinderten. Es gibt Kinder, die gehören nicht in eine Förderschule, die würden da komplett untergehen. Und die Kinder, die hier lernen, die gehören auch hier hin. Und die wären in jedem anderen System völlig falsch aufgehoben. Ich habe selten so hohe Sozialkompetenzen bei Kindern gesehen wie an Schulen, die inklusiv arbeiten. Und wenn dann die Eltern auch dahinter stehen und das unterstützen, dann freut mich das einfach für die Kinder mit Beeinträchtigungen. 

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