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Gesundheit ist Menschenrecht

Fachtagung beleuchtete Versorgungslücken im Gesundheitssystem

Über den Zugang zur Gesundheitsversorgung für Menschen ohne Krankenversicherungsschutz in Hessen diskutierten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Praxis, Kommunen und Zivilgesellschaft am 23. Oktober 2025 in Frankfurt am Main.

Deutschland gilt international als Land mit einem der besten Gesundheitssysteme. Doch die Realität zeigt eine andere Seite: Auch in Hessen bleiben tausende Menschen vom regulären Zugang zu medizinischer Versorgung ausgeschlossen, weil sie keinen Krankenversicherungsschutz haben. Die Folgen sind gravierend. Jedes Jahr kommt es zu vermeidbaren Krankheitsverläufen und Todesfällen, weil Behandlungen zu spät oder gar nicht erfolgen.

Besonders betroffen sind Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte, Personen mit ungeklärten Sozialleistungsansprüchen, von Wohnungslosigkeit oder Diskriminierung Betroffene sowie Menschen mit Beitragsschulden bei Krankenkassen. Die Tagung, die am 23. Oktober 2025 im Gesundheitsamt Frankfurt am Main stattfand, machte deutlich, dass niedrigschwellige Angebote wie die Humanitären Sprechstunden des Gesundheitsamtes Frankfurt, die Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung oder die Elisabeth-Straßenambulanz der Caritas zwar unverzichtbar sind, aber nur einen Bruchteil des tatsächlichen Bedarfs abdecken können. Besonders in der stationären und Notfallversorgung bestehen weiterhin erhebliche Versorgungslücken.

In praxisnahen Workshops und Fachvorträgen standen die strukturellen Herausforderungen in der medizinischen Versorgung Schwangerer sowie in der stationären und Notfallversorgung im Mittelpunkt. Die Fachtagung wurde im Rahmen einer transdisziplinären Vernetzung organisiert, um unterschiedliches Wissen, vielfältige Kompetenzen und institutionelle Reichweiten zu bündeln und so einen strategischen Ansatz für gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben. Die Veranstaltung bot eine wichtige Plattform für Austausch, Kooperation und Vernetzung der beteiligten Akteurinnen und Akteure.

Zentrale Ergebnisse des Austauschs betonen einen starken Handlungsbedarf im Bereich des interdisziplinären Wissensmanagements bei der Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung. Besonders hervorgehoben wird die Notwendigkeit der Weitergabe von Wissen im Bereich der Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung zwischen Behörden, der Sozialen Arbeit und medizinischem Personal. Darüber hinaus betont die Praxis die Relevanz von präventive Maßnahmen in diesem Bereich. Auch betonen die Expertinnen  und Experten die Integration niedrigschwelliger Angebote in die Regelversorgung als entscheidenden Schritt für eine nachhaltige Verbesserung der Versorgungslage.

Angesichts der großen Resonanz und der schnellen Ausbuchung der Veranstaltung ist eine Fortsetzung der Fachtagung im Jahr 2026 geplant, um die Diskussion und Zusammenarbeit zur Verbesserung der Versorgungssituation von Menschen ohne Krankenversicherungsschutz in Hessen weiterzuführen.

Veranstalterinnen und Veranstalter der Fachtagung:
Hochschule Fulda, DIFIS/BMAS, Diakonie Hessen, Elisabeth-Straßenambulanz, Hessisches Landesamt für Gesundheit und Pflege, Malteser Hilfsdienst e.V., Gesundheitsamt Frankfurt am Main

Ausführliche Dokumentation der Tagung 2025

Fachtagung 2024: Zugang zur Gesundheitsversorgung für Menschen ohne Krankenversicherungsschutz und in prekären Lebenslagen

Orientierung & Anlaufstellen

für Menschen ohne Krankenversicherungsschutz
Clearingstellen in Hessen

Frankfurt am Main: Clearingstelle | Stadt Frankfurt am Main

Wiesbaden: www.diakonie-wirt.de/rat-und-angebote/in-krisen-und-schwierigen-situationen/beratung-kvc

Bad Schwalbach: Beratung KVC - Regionale Diakonie

Kassel: Clearingstelle für Menschen ohne Krankenversicherung 

Bundesweite Kontaktstellen

www.gesundheit-ein-menschenrecht.de/

Anonyme Behandlungsscheine, Clearingstellen und Behandlungsfonds

Verzeichnis anonyme Behandlungsscheine und Clearingstellen

Wissen kompakt

Wie werden Menschen ohne Papiere in Deutschland medizinisch versorgt? Welche Gesundheitsleistungen stehen ihnen zu? Das "Wissen kompakt"der Diakonie Deutschland bietet dazu Fakten und Hintergründe.

Zu den Fakten und Hintergründen

Zu den Arbeitspapieren und Broschüren


Kampagnen

Petition #GleichBeHandeln

Gesundheit ist ein Menschenrecht.Vielen bleibt es verwehrt. 

Jeder Mensch hat per Gesetz das Recht auf ärztliche Behandlung. Trotzdem können zahlreiche Menschen, die ohne Aufenthaltsstatus in Deutschland leben, nicht zum Arzt. Nach Paragraf 87 Aufenthaltsgesetz ist das Sozialamt bei einer Kostenübernahme der Behandlung verpflichtet, die Daten an die Ausländerbehörde zu übermitteln. Damit würde den Betroffenen die Abschiebung drohen. Mit unserer Petition wollen wir die Übermittlungspflicht einschränken und allen Menschen – unabhängig ihres Status – ermöglichen, ohne Angst zum Arzt gehen zu können.

Welchen Einfluss der § 87 auf das Leben von Betroffenen hat, erzählen sie in ihren Geschichten

Zur Petition #GleichBehandeln

Ohne Angst ­zum Arzt

Die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) hat gemeinsam mit Ärzte der Welt und 45 weiteren Organisationen 2024 eine förmliche Beschwerde bei der Europäischen Kommission eingereicht. Damit rügt das Bündnis erneut die Meldepflicht, die seit über 30 Jahren Menschen ohne Papiere faktisch von jeder ärztlichen Versorgung ausschließt. Auch die Diakonie Deutschland und die Abteilung FiAM der Diakonie Hessen unterstützen die Beschwerde.

Menschen, die in Deutschland ohne geregelten Aufenthaltsstatus leben, haben auf dem Papier zwar einen Anspruch auf Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände. Sobald sie sich an die Sozialbehörde wenden, um den dafür erforderlichen Behandlungsschein zu erhalten, droht ihnen jedoch die Abschiebung. Die Sozialbehörde ist dazu verpflichtet, die Daten an die Ausländerbehörde zu übermitteln. Aus Angst vor einer Abschiebung meiden Betroffene den Gang zum Arzt. Selbst Kinder erhalten keine ärztliche Behandlung.

Informationen zur aufenthaltsrechtlichen Meldepflicht und zur Beschwerde an die EU-Kommission

Studien und Positionierungen

Psychosozialer Versorgungsbericht 2024

Während die Zahl geflüchteter Menschen einen neuen Höchststand erreicht, werden die notwendigen Versorgungsstrukturen in Deutschland unzureichend gefördert. Lediglich 3,1 Prozent des psychosozialen Versorgungsbedarfs konnten im Jahr 2022 gedeckt werden. Die BAfF e. V., Dachverband von inzwischen 48 Psychosozialen Zentren für geflüchtete Menschen, veröffentlicht ihren neuesten Versorgungsbericht.

Bericht zum Download

Psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung von Geflüchteten in Hessen verbessern

Mit einer deutlichen Positionierung für den Ausbau und die weitere Ausgestaltung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung von Geflüchteten und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte wenden sich neun Organisationen an politisch Verantwortliche in Hessen und an die Öffentlichkeit.

Positionspapier für den Ausbau und die weitere Ausgestaltung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung von Geflüchteten und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Hessen

AKKA-First Aid Argumentation-Kit

Schlagkräftige Argumente und maßgeschneiderte Materialien für eine menschenrechtlich valide Gesundheitspolitik, die zu unserer modernen Einwanderungsgesellschaft passt.

Zur AKKA-Kampagne