Als er seine Aufenthaltserlaubnis in der Hand hielt, habe er geweint. Mit dem Bus ging es nach Oberroden in die Flüchtlingsunterkunft. „Dort standen Gummibärchen auf dem Tisch“, sagt Abdel aleem Alayobi und lächelt bei dem Gedanken daran übers ganze Gesicht. „Das werde ich nie vergessen, ehrlich. In anderen Ländern wurden wir geschlagen. Man denkt, diese Gummibärchen sind nichts, aber sie bedeuten alles. Sie sind der Schlüssel zum Erfolg.“ Von Anfang an stand ihm die Flüchtlingshilfe zur Seite. „Sie haben mir das Gefühl gegeben, willkommen zu sein.“
Brigitte Speidel-Frey, Brigitte Putz- Weller, Thomas Büttner und viele andere. Sie halfen, eine Wohnung in Rödermark zu finden, brachten Handtücher, Töpfe, Besteck. Immer wieder betont Abdel aleem Alayobi, wie viel ihm ihre Unterstützung bedeutete. Sie begleiteten ihn zur Ausländerbehörde, füllten mit ihm Anträge aus, halfen mit dem Visum für seine Frau und Kinder. Als die Genehmigung kam, war Abdel aleem Alayobi überglücklich, aber sofort kam der Gedanke: „Wie soll ich drei Flugtickets bezahlen?“ Zum Glück war die Flüchtlingshilfe da. Sie buchten die Tickets, streckten das Geld vor. Jeden Monat zahlte der Vater 50 Euro zurück.
„You are welcome to our school!“
Fast eineinhalb Jahre nach seinem Abschied aus Syrien kam seine Familie nach. Als Lehrerin hatte die Mutter in der Zeit mit den Kindern bereits etwas Deutsch geübt. Samstag landete ihr Flugzeug, Dienstag meldete Nourah Dadosh ihre Töchter in der Grundschule an. Auf dem Schulhof sah sie, wie Kinder einen Jungen in ihre Richtung schubsten, dabei lachten. „Oh, jetzt wird es schlimm“, dachte sie – und wollte ihre Kindern schon erklären, dass sie da leider durch müssen, dass es bei ihrer Flucht um die Frage ging: leben oder sterben? Doch da sagte der Viertklässler in holprigem Englisch zu ihnen: „You are welcome to our school!“ Das werde sie nie vergessen, betont die 43-Jährige. „Da wusste ich, dass wir hier richtig sind.“ Die Mädchen kamen in die erste und zweite Klasse. Sie habe sich sofort wohlgefühlt, berichtet die 16-Jährige. „Alle waren total nett.“ Die Mutter einer Mitschülerin schenkte ihr einen Schulranzen und ein Mäppchen, „richtig lieb“. Die Schwestern fanden schnell Freundinnen.
Auf keinen Fall wollte der Vater, dass die Familie von Sozialhilfe leben muss. „Ich will für meine Familie sorgen.“ Zum Glück vermittelte ihm jemand ein Praktikum in einer IT-Firma. Nach den drei Monaten erhielt er bei dem globalen Swift-Zahlungsunternehmen eine Festanstellung. Dabei kam ihm zugute, dass er sehr gut Englisch spricht. Zudem lernte Abdel aleem Alayobi fleißig deutsch, nach der Arbeit, am Wochenende. Und er nahm an einer Fortbildung teil, um eine Zertifizierung als Softwarespezialist zu erhalten. Rund 6.000 Seiten lernte er für die Prüfung; Tag und Nacht.
„Meine Familie hat mich kaum noch gesehen“, berichtet er. Vor lauter Stress konnte er kaum noch atmen, wurde ins Krankenhaus eingeliefert – und lernte dort weiter. Im zweiten Anlauf schaffte er die Prüfung, hat jetzt als Spezialist eine gut bezahlte Stellung. „Man braucht das Gefühl, willkommen zu sein“, sagt Abdel aleem Alayobi. „Aber genauso wichtig ist, wie viel Mühe man sich auch selbst gibt.“