Sie sind vor dem Krieg in Syrien geflohen und haben im Rheingau ein neues Zuhause gefunden: Shayma und Khaled Hussein leben mit ihrem Sohn in Eltville.
Auf dem Weg zum Rheinufer holt Khaled Hussein noch kurz beim Bäcker einen Latte Macchiato zum Mitnehmen. Als er den Laden betritt, lächelt der junge Mann hinter der Theke übers ganze Gesicht: „Hey, wie geht es dir?“ Khaled Hussein strahlt, dreht sich zu einer Frau um. „Guck mal, Shayma, er macht hier jetzt eine Ausbildung.“ Der 31-Jährige arbeitet als pädagogische Fachkraft in einer Wohngruppe in Eltville und betreut unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Der Junge in der Bäckerei ist einer von ihnen, er kam alleine aus Afghanistan nach Deutschland. „Ich habe das gleiche Schicksal“, sagt Khaled Hussein. „Ich weiß, wie es sich anfühlt, seine Eltern zu verlassen, Heimweh zu haben. Ich kann den Kindern meine Geschichte erzählen – und ihnen Mut machen.“
Seine Frau grinst: „Khaled kennt überall Leute, er kann kaum über die Straße laufen.“ Kein Wunder, beide sind in Eltville fest verankert: Sie arbeitet als Erzieherin in einer Kita, er studiert – neben seinem Job im Kinderdorf – Soziale Arbeit in Wiesbaden und ist überall dabei, geht zum Lauftreff, ist Wahlhelfer, berät die Stadt in Integrationsfragen und beide sind ehrenamtlich aktiv. Ihr Sohn Daniel, 7, geht in die erste Klasse, spielt Fußball im Verein. „Ob die Eltern seiner Freunde oder Nachbarn, alle haben uns so geholfen“, betont Shayma Hussein. Beim Deutschlernen und beim Ankommen. „Die Arme waren weit offen für uns.“
Ersatzoma gefunden
An der Uferpromenade setzen sie sich mit ihrem Kaffee im Schatten unter den Platanen auf eine Bank, mit Blick auf den Rhein, Containerschiffe ziehen vorbei. Ihr Sohn ist bei einem Freund zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. „Sonst hätten wir ihn auch jederzeit zur Oma im Nachbarort bringen können“, meint Shayma Hussein. Die Großeltern aus Syrien sind auch hier? Die 32-Jährige lacht, nein, „Frau Berg ist unsere Ersatzfamilie.“
Shayma und Khaled Hussein kommen beide aus Hasaka, einer Stadt im Nordosten Syriens, an der Grenze zur Türkei und zum Irak. Sie waren Nachbarn, verliebten sich kurz vor dem Abitur ineinander. Nach der Schule begann Khaled, Jura zu studieren, Shayma Soziale Arbeit. Doch es war Krieg, überall gründeten sich Milizen. „Wir hatten Angst“, sagt Khaled Hussein.
Einmal kritisierte er, dass junge Männer für Assad in den Tod geschickt werden. Der Vater warnte ihn, besser nicht laut seine Meinung zu sagen. „Du bringt die ganze Familie in Gefahr, sagte er.“ Deshalb beschloss Khaled Hussein, das Land zu verlassen, so schwer es ihm fiel. Aber er wollte eine Familie gründen – und endlich in Sicherheit leben. Ein Onkel wohnte in Deutschland. Deshalb machte auch er sich auf den Weg dorthin, vorher heiratete das Paar.