Dort konnte Basayev Danka wieder zur Schule gehen. „Endlich“, sagt er. „Nach vier Jahren.“ In der Schule sei er sehr zufrieden gewesen, habe schnell Freunde gefunden. In erster Linie besuchte er einen Deutschkurs, nahm nur die letzte Stunde am regulären Unterricht der Klasse teil. Deshalb musste er die neunte Klasse einmal wiederholen. Nach einem Jahr teilten ihm seine Eltern mit, dass sie nicht in Deutschland bleiben wollten. „Das war ein Schock“, betont Basayev Danka. Der Vater tat sich schwer damit, die neue Sprache zu lernen, ihm fehlten Freunde und Verwandte, und die Mutter vermisste ihre Eltern. Also beschlossen sie, trotz der Lebensgefahr zurückzugehen, zunächst in die Türkei, danach nach Syrien.
Der große Bruder lebte längst alleine in einer Wohnung, die beiden Mädchen wollten bei den Eltern bleiben. Also stand Basayev Danka mit 17 Jahren vor der Entscheidung: mitgehen oder bleiben? „Alleine in einem fremden Land, mit einer fremden Sprache.“
Noch nie sei er vorher von seiner Familie getrennt gewesen. Trotzdem war für ihn direkt klar, dass er nicht im Krieg kämpfen wollte. „Hier ist meine Zukunft.“ Um kein Risiko einzugehen, beschlossen die Eltern, vorher niemand etwas von ihren Plänen zu erzählen und die Behörden nicht zu informieren. So blieb Basayev Danka eines Nachts alleine in der Wohnung zurück. „Es war sehr, sehr traurig.“ Am nächsten Tag ging er zu seinem Deutschlehrer – „Herr Drews, ich weiß seinen Namen heute noch“ – und sagte zu ihm: „Meine Familie ist nicht mehr da. Was soll ich jetzt machen?“ Der Lehrer informierte sofort das Jugendamt. „Ich bin ihm immer noch dankbar.“
Der Junge kam in eine Wohngruppe in Mainz, mit eigenem Zimmer. „Das war ok.“ Viele Jugendliche in seiner Gruppe hätten Alkohol getrunken und Drogen genommen, doch Basayev Danka hielt sich davon fern. Was ihm in dieser Zeit geholfen hat? „Der Fußballverein!“ Eigentlich sei er Boxer. Doch um sich von seinem Kummer abzulenken, begleitete er einen Freund zum Fußball und guckte nur zu. Der junge Mann lacht und winkt einem Mann auf dem Sportplatz zu: „Das ist Michael, mein Trainer damals. Er sagte zu mir: Ab nächster Woche trainierst du mit.“ Schnell wurden die Jungs in der Mannschaft des Hobbyvereins FC Ente Bagdad zu Freunden, sie saßen nach dem Training noch zusammen und aßen gemeinsam. Viele von ihnen waren nach Deutschland geflüchtet, sie kamen aus Syrien, Afghanistan und Somalia. „Irgendwie habe ich mich hier gefunden.“ Im Verein hätten ihn alle sehr unterstützt, vor allem Ronald vom Vereinsvorstand und dessen Frau Rita. Sie hätten Briefe übersetzt, Formulare ausgefüllt und ihn zu Ämtern begleitet.
In Angst um die Familie
Als der Trainer aufhörte, machte Basayev Danka seine Trainerlizenz und übernahm die Mannschaft. Als die Jungs älter wurden und eine Ausbildung begannen, hörten viele mit dem Fußball auf. Basayev Danka kam weiter, sie trainierten zu dritt. Bis der Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine folgte. Plötzlich war der Fußballplatz wieder voll. Der Trainer zeigt auf die Kinder, die über den Kunstrasen flitzen. „Fast alle aus der Ukraine.“
Die Angst um seine Familie in Syrien setzte ihm sehr zu. Die Kämpfe erreichten auch seine Heimatstadt. Der Vater wollte das Haus nicht verlassen, die Mutter floh mit den Töchtern in eine andere Stadt. „Teilweise gab es keinen Strom, kein Internet.“ Tagelang konnte er mitunter seine Eltern nicht erreichen. „Ich wusste nicht, ob sie noch leben.“ Eigentlich wollte Basayev Danka seinen Realschulabschluss machen. „Doch es ging mir wirklich gar nicht gut.“ Nachts konnte er nicht schlafen, meldete sich oft krank. Irgendwann habe er die zehnte Klasse abgebrochen. „Leider.“ Danach begann er eine Ausbildung als Arzthelfer in einer HNO-Praxis in Mainz, doch die Lehrerin in der Berufsschule habe ihnen das Leben schwer gemacht. „Leider habe ich die Ausbildung auch abgebrochen“, sagt Basayev Danka. Jetzt arbeitet er Vollzeit an der Rezeption in einem Hotel in Frankfurt und jobbt nebenbei weiterhin in der HNO-Praxis. Plus das Training mit den Jungs. Wann er Freizeit hat? Der junge Mann zeigt auf den Fußballplatz: „Das hier ist meine Freizeit!“
Warten auf die Einbürgerung
Seine Eltern hat er seitdem noch nicht wieder gesehen. Aber sie telefonieren und schreiben fast jeden Tag. „Es geht ihnen gut.“ Basayev Danka hofft, sie irgendwann besuchen zu können. Aber erst will er seine Einbürgerung abwarten. Lange fehlte ihm noch ein syrischer Pass, mit viel Mühe konnte er einen Ersatz beantragen, seit einem halben Jahr hat er endlich alle Dokumente zusammen. „Jetzt warte ich seit November auf einen Termin. Auch wenn es hart war: Hierzubleiben, war die beste Entscheidung“, sagt Basayev Danka. „Ich bin hier aufgewachsen. Und wer weiß, ob ich sonst noch am Leben wäre.“