Dr. Katja Kajikhina (Robert-Koch-Institut) zeigte auf, dass es Lücken im nationalen Gesundheitsmonitoring in Bezug auf bestimmte Bevölkerungsgruppen wie z. B. Menschen mit Migrationshintergrund gibt. Ein Problem besteht darin, dass es mit den derzeitigen Erhebungsinstrumenten nur unzureichend gelingt, Daten von Menschen mit Migrationsgeschichte einzubeziehen. Vor diesem Hintergrund wurden im Projekt Improving Health Monitoring in Migrant Populations (IMIRA) die Erhebungsmethoden weiterentwickelt und in der Befragungsstudie GEDA Fokus angewendet. Durch ein mehrstufiges Erhebungsdesign und die Adressierung von Sprach- und Kommunikationsbarrieren konnte die Teilnahmequote von Menschen mit Migrationshintergrund erhöht werden. Um der Vielfalt der Bevölkerung in Deutschland gerecht zu werden, sind mehrere Modi und differenzierte Analysen jenseits des unscharfen Indikators „Migrationshintergrund“ notwendig. In der ebenfalls vorgestellten POINT-Studie zu Infektionskrankheiten bei Drogenkonsumenten wurde ein hoher Anteil von Unversicherten deutlich. Der häufigste Behandlungsort stellt demnach die Notaufnahme in der Klinik dar, was in den meisten Fällen durch eine angemessene und frühzeitige Behandlung hätte verhindert werden können.
Im zweiten Kurzvortrag legt Janina Gach (Ärzte der Welt) dar, dass in den vier bundesweiten Anlaufstellen der NGO Ärzte der Welt in Deutschland im Jahr 2022 über 2300 Patient*innen behandelt wurden. Davon lebten fast alle in finanzieller Armut und 88 % ohne Krankenversicherungsschutz. Weitere Barrieren beim Zugang zur Gesundheitsversorgung sind der Aufenthaltsstatus, Sprachbarrieren und Diskriminierungserfahrungen. Die häufigsten Krankheiten bei Erwachsenen sind chronische Erkrankungen. Schwere Erkrankungen hätten durch eine frühere Anbindung an das Regelsystem in vielen Fällen vermieden werden können. Gach konstatiert dringenden politischen Handlungsbedarf hinsichtlich der Verwirklichung des Rechts auf Gesundheit in der Bundesrepublik.
Nele Wilk (Armut und Gesundheit in Deutschland) skizziert in ihrem Beitrag die vielfältigen Zugangsbarrieren zur Gesundheitsversorgung für Menschen ohne Krankenversicherung. Das duale bzw. dreigliedrige Krankenversicherungssystem in Deutschland macht eine erste Zuordnung der Patient*innen schwierig. Hinzu kommen verschiedene bürokratische Hürden. Hier nennt sie die fast ausschließlich deutschsprachige Behördenpraxis, teilweise erst nach langwierigem Nachfragen erhältliche Antragsunterlagen, sowie die hohe Hürde bei der Beantragung des Bürgergelds. Zudem führen die hohen Mindestbeitragssätze der Krankenkassen zu einer hohen Verschuldung der Betroffenen, weshalb diese sich in der Beratung teilweise bewusst gegen eine Reintegration in das Regelsystem entscheiden. Weitere Hürden ergeben sich aus dem Aufenthaltsstatus von Personen, beispielsweise EU-Bürger*innen aus Drittstaaten, Geflüchtete, sowie Menschen in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität.
Prof. Dr. Ilker Ataç, Hochschule Fulda
Jenseits der regulären Gesundheitsversorgung? Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage zur Struktur von Gesundheitsversorgungseinrichtungen in Deutschland
Prof. Ilker Ataç (Hochschule Fulda) stellte erste Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von Einrichtungen der Gesundheitsversorgung für Menschen ohne Krankenversicherung vor. Ziel der gemeinsam mit Jonas Freudenberg durchgeführten Befragung was es, einen Überblick über das Angebot, die finanzielle und personelle Struktur sowie die Patient*innenzahlen der Einrichtungen zu erhalten. Insgesamt konnten Daten von 133 Einrichtungen erfasst werden. Etwa die Hälfte davon wurde im Rahmen der Befragung gewonnen, die übrigen Daten stammen aus einer Internet- und Medienrecherche. Deutlich werden starke geografische Unterschiede in der Abdeckung des Bundesgebiets. Auch historische Veränderungen in der Versorgungsstruktur werden sichtbar. So zeigt sich, dass seit den 2010ern vermehrt Clearingstellen und Praxen ohne Grenzen gegründet wurden. Etwa zwei Drittel der Einrichtungen bieten ambulante Versorgung vor Ort an, fast alle vermitteln an kooperierende Ärzt*innen. Ein großer Teil der Einrichtungen prüft einen möglichen Zugang zur Krankenversicherung. Deutlich mehr als die Hälfte der Einrichtungen erhält keine öffentliche Förderung. Innerhalb der öffentlichen Finanzierung zeigt sich eine hohe Bedeutung der kommunalen Förderung, Landesmittel werden deutlich seltener zur Verfügung gestellt. Hinsichtlich des Personals zeigt sich die herausragende Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements: In 91 % der Einrichtungen ist das medizinische Personal ehrenamtlich tätig. 80 % der Einrichtungen haben kein hauptamtliches medizinisches Personal. Bei Clearingstellen ist das Verhältnis von haupt- zu ehrenamtlichem Personal nahezu ausgeglichen. Die Gesamtpatient*innenzahl der Einrichtungen ist seit 2020 gestiegen. Im Jahr 2023 lag sie bei über 30.000 Patient*innen und über 55.000 Behandlungen.
Die anschließende Diskussion im Panel auf dem Podium und mit dem Publikum drehte sich um drei Schwerpunktthemen: Bei der Bemessung des Erfolgs von Clearingprozessen wurden Zielgruppenspezifika sowie das Vorhandensein eines Behandlungsfonds bzw. eines anonymen Behandlungsscheins und damit auch das Zusammenwirken von medizinischer Versorgung und Clearingberatung diskutiert. Weiterer Forschungsbedarf wurde hinsichtlich möglicher Änderungen in den Finanzierungsstrukturen der Versorgungseinrichtungen sowie der Schließung von Einrichtungen gesehen. Abschließend wurden die Ursachen für das Anwachsen von Parallelstrukturen in den letzten Jahren diskutiert.